Retro-Computing
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Sowjetische Großrechner verdienen mehr Rettung als ein weiteres C64-Revival

Die Restaurierung eines ES-4001-Bedienfelds durch Chornobyl Family zeigt, wo die eigentliche Grenze des Retrocomputing liegt: bei schlecht dokumentierten, nichtwestlichen Maschinen.

Veröffentlicht
23. Oktober 2026
Lesezeit
3 min
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KI-generiertes Bild

Wie oft müssen wir noch denselben beigen Heimcomputer feiern? Das Retrocomputing hat ein Komfortzonenproblem: Wir polieren, was ohnehin gut dokumentiert, gut emuliert und gut geliebt ist. Währenddessen soll das Bedienfeld eines sowjetischen Großrechners aus den 1970er-Jahren restauriert werden – und erinnert uns daran, wo die eigentliche Arbeit liegt.

Was auf dem Tisch liegt

Wie Hackaday berichtet, hat die Gruppe Chornobyl Family ein Bedienfeld eines sowjetischen Großrechners der 1970er-Jahre, des ES-4001, erworben und will es vollständig wieder in Betrieb nehmen. In einem Reddit-Beitrag zu dem Bedienfeld schreibt der Autor, es stamme von einem Block-/Byte-Multiplexerkanal-Controller des ES-4001, für den es nach seinem Verständnis kein direktes IBM-Gegenstück gebe. Wir werten das als Einschätzung des Autors, nicht als gesicherte Tatsache.

Dieses Detail ist das Interessante. Die Baureihe ES EVM war laut Wikipedia eine Serie von Großrechnern, die im Allgemeinen zu IBMs System/360 und System/370 kompatibel waren und von 1968 bis 1998 in den RGW-Ländern gebaut wurden, mit mehr als 15.000 produzierten Exemplaren. „Ein Klon“ ist die bequeme Kurzfassung. Die Wirklichkeit wirkt verworrener.

„Nur ein Klon“ ist das faulste Etikett der Computergeschichte

Derselbe Wikipedia-Eintrag besagt, die Hardware sei recht eigenständig gewesen, größtenteils durch Reverse Engineering entstanden, während ein Großteil der Software aus veränderter, lokalisierter IBM-Software bestand. Wegen der Exportbeschränkungen geschah die Lokalisierung oft durch Disassemblieren von IBM-Software. Spätere Versionen des sowjetischen Betriebssystems OS ES unterschieden sich stark von ihren IBM-Vorfahren, enthielten aber weiterhin viel IBM-Code.

Denken Sie darüber nach, was das bedeutet. Es ist ein Parallelzweig einer berühmten Architektur, unter anderen Zwängen entwickelt, von anderen Menschen, mit anderen Prioritäten. IBMs eigene Geschichtsseite stellt das System/360 als die Familie dar, die Software von Hardware trennte und Kompatibilität zur Plattform machte. Der ES EVM ist das, was geschieht, wenn diese Idee exportiert, kopiert, verbogen und in einer von ihrer Quelle abgeschnittenen Welt am Leben gehalten wird. Das ist unseres Erachtens eine weit reichere Geschichte, als es die Gegenüberstellung von Original und Klon nahelegt.

Es ist auch nicht nur eine Geschichte. Dieselbe Ära brachte den SM EVM hervor, den ttwin beschreibt als Klone von HP-Minicomputern, sowie den DVK, einen Klon der PDP-11-Reihe. Ein ganzes Ökosystem geborgter und angepasster Maschinen liegt im Schatten der westlichen Computergeschichte.

Warum das dringender ist als das nächste C64-Revival

Unsere Haltung: Dem Commodore 64 wird es gut gehen. Es gibt Emulatoren, Dokumentation, Communitys und einen steten Nachschub an Enthusiasten. Niemand muss ihn retten, und die tausendste Hommage bringt wenig.

Bei einem Großrechner-Bedienfeld ist das anders. Von der letzten ES-Maschine, dem ES 1220 von 1995, wurden laut Wikipedia nur etwa 20 Stück gebaut, und die Produktion der Familie endete 1998. Nicht jedes Modell war so selten, doch wir vermuten, dass das Überleben von Hardware aus spezialisierten Kleinserien in Ländern, deren Institutionen sich verändert haben, nicht gesichert ist. Gehen die physischen Objekte verloren, geht das Wissen darüber, wie sie sich verhielten, mit ihnen verloren – besonders wenn Handbücher in einer anderen Sprache vorliegen, in Privatbesitz sind oder schlicht fehlen.

Deshalb zählt eine solche Restaurierung über den Neuheitswert hinaus. Ein Bedienfeld zum Laufen zu bringen zwingt jemanden, die dahinterliegende Logik zu verstehen, zu dokumentieren und zu teilen. Dokumentation ist das, was wirklich knapp ist. Ein funktionierendes Bedienfeld ohne Notizen ist eine Kuriosität; mit Notizen ist es ein Beleg.

Einen Vorbehalt gibt es. Ein einzelnes Bedienfeld, so reizvoll es sein mag, macht noch keine Bewahrungsbewegung, und wie vollständig es restauriert oder dokumentiert wird, wissen wir noch nicht. Wir wollen das Obskure auch nicht romantisieren: Nicht jede ungewöhnliche Maschine verdient einen Museumsplatz. Doch das Verhältnis des Aufwands wirkt deutlich schief. Viele Stunden fließen in die Maschinen, die jeder kennt, und wenige in jene, bei denen jedes gerettete Bauteil eine Lücke in der Überlieferung schließt.

Was zu tun ist

Wer sammelt oder Emulatoren entwickelt, sollte sich etwas vornehmen, worüber noch niemand geschrieben hat. Fotografieren, Platinen nachzeichnen, das Verhalten aufzeichnen und an einem Ort veröffentlichen, der einen überdauert. Leserinnen und Leser können Projekte wie dieses verfolgen und deren Dokumentation unterstützen, nicht nur hübsche Frontplatten.

Das Fazit: Die Grenze des Retrocomputing ist keine seltenere Variante der alten Lieblinge. Es sind die Maschinen, die es nie in unsere gemeinsame Geschichte geschafft haben. Das ES-4001-Bedienfeld ist eine kleine Erinnerung daran.

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