Der A1200 für 190 Euro: Entscheidend ist, was man damit machen kann
Ein Amiga-1200-Nachbau in Originalgröße für rund 190 Euro ist willkommen, doch das Logo ist nicht der Punkt: Offenheit, Bastelbarkeit und Spielebibliothek entscheiden.
KI-generiertes Bild
Ist eine Maschine ein echter Amiga, weil es auf dem Gehäuse steht, oder wegen dessen, was man mit ihr tun kann? Der neue THEA1200 wirft diese Frage auf, und unsere Antwort lautet: Das Logo ist der uninteressanteste Teil.
Ein Emulator für 190 Euro mit Tastatur, jetzt für Dezember angekündigt
Laut Giga sollte der A1200-Nachbau von Retro Games in Originalgröße im Juni erscheinen, verschiebt sich aber wegen knapper Bauteile auf Anfang Dezember 2026. Bei Amazon lässt er sich für 189,99 Euro vorbestellen. Im Lieferumfang sind eine funktionierende Tastatur, eine USB-Maus, ein Gamepad und ein HDMI-Kabel. Das Netzteil muss man selbst mitbringen.
Im Inneren steckt kein alter Chip. Es ist Emulation, und gugeli.de beschreibt einen ARM-Prozessor mit Linux-Basis. Die Maschine deckt den AGA-Chipsatz des A1200 sowie OCS und ECS des A500 ab, wie das idealo-Angebot angibt. Über HDMI gibt sie 720p aus und wird mit 25 Spielen geliefert. Eigene Spiele werden von einem USB-Stick geladen, WHDLoad wird unterstützt.
Ein Emulator im beigen Gehäuse ist trotzdem ein faires Angebot
Puristen werden sagen, das sei kein Amiga, und technisch haben sie recht. Wir halten das für eine Verkennung dessen, was der Amiga war. Er war nie eine heilige Ansammlung von Chips. Er war eine Maschine, auf der Menschen Demos, Musik und Spiele machten und sie untereinander tauschten. Eine Box, die diese Software originalgetreu an einem modernen Fernseher ausführt, mit einer echten Tastatur, dient dieser Kultur gut – und wohl mit weniger Aufwand als ein gealtertes Original, das einen Scaler, Reparaturen und viel Geduld brauchen kann.
Auch der Preis wirkt vernünftig. Was ein gebrauchtes Original heute kostet, können wir nicht sagen, denn die Unterlagen nennen es nicht. Doch 190 Euro für eine Maschine in Originalgröße mit Tastatur sind deutlich weniger abschreckend als die meisten Einstiege in dieses Hobby.
Offenheit ist das eigentliche Datenblatt
Das wichtigste Merkmal sind nicht die 25 Spiele. Es ist das Laden per USB und die WHDLoad-Unterstützung. WHDLoad ist ein weit verbreitetes Format, um Amiga-Software von Massenspeichern auszuführen, und Giga zufolge erschließt es eine riesige Bibliothek weiterer Titel. Für uns entscheidet das darüber, ob dies ein konsolenartiges Gerät oder ein Computer ist.
Die Fragen, die wir vor einer Empfehlung beantwortet sehen wollen, lassen die Unterlagen offen. Kommt man an die Workbench-Umgebung heran, wie gugeli.de andeutet? Kann man eigene Software frei laden, oder ist das System abgeschottet? Lässt es sich aktualisieren? Die Seite von Retro Games selbst nennt es eine „re-imagining of this classic home computer complete with working keyboard“ (eine Neuinterpretation dieses klassischen Heimcomputers samt funktionierender Tastatur), und das ist der richtige Anspruch. Eine Tastatur, die nur durch ein Menü navigiert, wäre bloß ein Kostüm.
Am meisten sollte das die Demoszene interessieren. Eine Demo ist ein Programm, das bestimmte Hardware ausreizt, und Emulation ist nur so gut wie ihr Timing. Bislang gibt es keine Belege in die eine oder andere Richtung, deshalb würden wir unabhängige Tests mit echten Produktionen abwarten, bevor wir ihr vertrauen.
Die mitgelieferten Spiele werden dem A1200 nicht gerecht
Ein Beitrag im ComputerBase-Forum beklagt, dass höchstens 4 der 25 Spiele AGA-Titel seien und der Rest für den A500 entstanden sei. Das ist eine Forenmeinung, kein Testbericht, doch sie weist auf etwas Reales hin. Eine Maschine, die nach dem A1200 benannt ist, sollte zeigen, was den A1200 besonders machte, und ein Paket aus überwiegend Software der A500-Ära leistet das nicht. Settlers II und die Turrican-Spiele sind großartig, aber sie sind eine nostalgische Auswahl, kein AGA-Schaufenster.
Unserer Ansicht nach spielt das weniger Rolle, als es scheint, denn das Paket ist ein Starterset. Ist die Maschine offen, kann die Community die Bibliothek an einem Wochenende in Ordnung bringen. Ist sie geschlossen, rettet sie keine vorinstallierte Liste.
Unser Urteil: fürs Wohnzimmer kaufen, beim Programmieren abwarten
Kaufen sollte man ihn, wenn man einen Plug-and-play-Amiga fürs Wohnzimmer möchte und Tastatur und Bauform schätzt. Auf Praxistests warten sollten Programmierer, Musiker oder Demoszener, die eigene Arbeiten ausführen wollen. Der Starttermin am 4. Dezember gibt Testern Zeit, die entscheidenden Fragen zu beantworten. Das Logo ist Nostalgie. USB-Laden, WHDLoad und ein offenes System würden ihn zu einem Amiga in dem Sinne machen, der zählt.
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